Rund ums Tragen

Das Tragen eines Babys oder Kleinkindes im Tragetuch gilt in unserem Kulturkreis leider immer noch als exotisch. Der Kinderwagen dagegen wird als normale und selbstverständliche Anschaffung gesehen. Dabei war es bis zur Regierungszeit von Queen Victoria (1837-1901) auch in Europa normal, die Kinder zu tragen. Für das damals weitverbreitete Tragen von Kindern in den ersten Lebensjahren, lassen sich noch heute viele Belege finden. Erst um das Jahr 1870 wurde der Kinderwagen von ihr hoffähig gemacht.

In der Biologie wird zwischen drei Jungtypen unterschieden, die durch ihre charakteristischen Eigenschaften in der Anpassung an die Lebensweise gekennzeichnet sind:

  • Nesthocker: Diese sind unbehaart, haben geschlossene Augen und Gehörgänge und können sich nicht alleine fortbewegen. Dazu zählen beispielsweise Kaninchen oder Mäuse.
  • Nestflüchter: Die körperliche Reife ist bei der Geburt abgeschlossen, Augen und Ohren sind geöffnet und sie können sich alleine fortbewegen. Außerdem sind sie den Eltern sehr ähnlich. Dazu zählen unter anderem Pferde oder Kühe.
  • Traglinge: Sie sind den Eltern relativ ähnlich, können sich aber nicht alleine fortbewegen. Weiterhin besitzen sie von Geburt an einen ausgeprägten Greifreflex. Es gibt aktive Traglinge, wie verschiedene Affenarten und passive Traglinge, wie das Känguru.

Rein physiologisch betrachtet ist jedes Menschenkind eine Frühgeburt, die 9 Monate zu früh auf die Welt kommt. Sein Kopf hat dann eine Größe, die gerade noch durch den Geburtsweg passt. Zum Ende der Schwangerschaft hat sich der Tragling weit genug entwickelt, um seine „Schutzhülle“ zu verlassen. Das heißt aber keineswegs, dass er sich selbst versorgen kann. Der Mensch gehört rein biologisch gesehen zu den Nesthockern, daher bleibt dieser für eine bestimmte Zeit nach der Geburt in dem Nest, welches seine Eltern für ihn geschaffen haben und wird dort mit allem Nötigen versorgt. Nach seiner Geburt sind bestimmte Körperfunktionen noch beeinträchtig, wie beispielsweise das Hör- und Sehvermögen. Das Menschenjunge wurde also, wie beschrieben, früher als sekundärer Nesthocker bezeichnet und zugeordnet. Die aktuelle Zuordnung von menschlichen Säuglingen zur Gruppe der Traglinge geht auf Prof. Dr. Bernhard Hassenstein zurück. Somit muss sich der Tragling erst langsam in seiner neuen Umwelt zurechtfinden. Auch einige Hirnregionen nehmen erst nach der Geburt ihre Funktion auf.

Noch eine Eigenschaft, die sehr gut zu beobachten ist, ist sein sehr ausgeprägter Greifreflex. Dies ist ein Relikt aus der Steinzeit, als sich der Tragling so im „Fell“ seiner Mutter festklammerte. Auch die Spreiz-Anhock-Stellung der Beine, die ein Kind einnimmt, wenn es hochgehoben wird, deutet auf die seit Urzeiten vorhandene Erwartung des Getragenwerdens hin.

Fast jede Mama und jeder Papa kennt ebenso Folgendes: Euer Baby ist friedlich eingeschlafen und nun möchte man es in sein Bettchen legen. Doch nach kurzer Zeit wacht dieses wieder weinend auf, obwohl man dachte, es schläft tief und fest. Dies ist ebenfalls ein Verhalten aus der Steinzeit. Das Baby hat nun Angst verlassen zu werden und meint, es befinde sich in einer lebensbedrohlichen Situation – das dies natürlich nicht so ist, kann das kleine Wesen noch nicht wissen. So will das kleine Kind seine Vertrauensperson herbeischreien, damit es sich wieder in Sicherheit wähnen kann.

Auch hier gilt: Man kann ein Baby nicht verwöhnen, wenn wir es beruhigen und trösten. Es ist auch keinesfalls ein Lerneffekt, das Baby einfach weinen zu lassen, sondern eher frustrierte Resignation, wenn es dies dann nicht mehr macht.

Was liegt also näher, als dem Tragling nach seiner Geburt den vollen Schutz in Form von Körperkontakt zu geben?

Niemals kann man ein Kind verwöhnen, wenn wir seine Grundbedürfnisse erfüllen. Das Gegenteil ist der Fall. Gibt man einem Kind zu wenig Aufmerksamkeit, neigt es eventuell dazu mehr zu klammern, als ein Kind, bei dem diese Bedürfnisse immer erfüllt wurden.

Wenn das Baby von Mama oder Papa im Tragetuch getragen wird, kann dieses voller Vertrauen seiner Umwelt entgegen blicken, ohne Angst zu haben. Ein getragenes Kind sieht die Welt direkt von oben und kann anderen Menschen direkt ins Gesicht sehen und Kontakt zu diesen aufnehmen. Es sättigt also nicht nur sein Bedürfnis nach Geborgenheit und Schutz. Die Haut ist am Anfang das wichtigste Sinnesorgan eines Kindes und Berührung jeder Art, ist ein wichtiger Reiz. Es ist eine Art „Ernährung“ für das Nervensystem und unendlich wichtig für die psychische und physische Entwicklung eines Kindes.

Ein getragenes Kind kann sich so langsam, selbstsicher und für sein Empfinden sichere Weise, in unserer hektischen Welt zurechtfinden. Das Bedürfnis nach Nähe mag anfangs als sehr anstrengend empfunden werden. Es ist aber nur ein kurzer Abschnitt in dessen Leben, aber dieser begleitet ihn ein Leben lang, damit aus unseren Kindern selbstständige und selbstsichere Erwachsene werden.

Unsere Kinder wissen, was das Beste für sie ist.

 

Ich wünsche Euch eine wundervolle Tragezeit!